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Aufladen ohne Stecker

Kolumne


Den Stecker ziehen, um zu entspannen

So paradox es klingt: Der Stecker muss gezogen werden, damit der Mensch abschalten und seine Batterien wieder neu aufladen kann. Wir werden in der heutigen Zeit so geprägt, dass alles sofort passieren muss.

Die heute vor 17.00 Uhr aufgegebene Bestellung muss morgen geliefert werden! Und wir verlassen uns darauf, dass alles sofort passiert, sonst kommt das Geburtstagsgeschenk zu spät! Wir planen immer kurzfristiger und erwarten, dass die Anderen immer und sofort für uns da sind. Aber auch an uns steigen die Erwartungen hinsichtlich der Reaktionszeit: Die Mail muss schnell beantwortet werden, sonst kommt per Telefon die Nachfrage wie lange es noch dauert. Und nach Feierabend oder im Urlaub sollen wir auch erreichbar sein und schnell antworten, damit wir die Arbeit von Kollegen nicht verzögern, z. B. wenn ein Projekt schnell erfolgreich abgeschlossen werden soll.

Gerade in Industrie und Dienstleistung 4.0 und bei der Arbeit 4.0 werden von den Mitarbeitern eine hohe Einsatzbereitschaft, zeitliche Flexibilität und ständige Erreichbarkeit gefordert. Und die verantwortlichen Führungskräfte sprechen gerne die Mitarbeiter an, die immer funktionieren und nicht „nein“ sagen (können). Diese Mitarbeiter springen dann auch häufig am Wochenende ein oder in eine andere Schicht – ohne ausreichend Zeit zum Ausschlafen. Auch im Urlaub sollen Mitarbeiter und Führungskräfte erreichbar sein, man kann ja nie wissen was passiert. Wenn dann auch noch der Urlaub abgebrochen werden muss, sind die Erholung dahin und das Aufladen der Batterien auf unbestimmte Zeit verschoben.

Der Volksmund sagt „der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht“. Das Symbol für das Brechen des Kruges ist in unserer Zeit häufig die Krankschreibung der Mitarbeiter. Ursachen sind nicht selten Überlastung, Demotivation und psychosomatische Störungen.

Wir lesen heute nicht selten in Stellenanzeigen in der Gesundheitsbranche, in der Mitarbeiter Menschen rund um die Uhr und am Wochenende versorgen, unter Wir bieten: „Sie haben an zwei Wochenenden im Monat frei – garantiert!“ Könnte es sein, dass wir im Kontext von Industrie und Dienstleistung 4.0 – im Zeitalter von Smartphone und Tablett bald lesen: „Ein angetretener Urlaub wird bei uns nicht abgebrochen und wir verzichten auf die Erreichbarkeit unserer Mitarbeiter im Urlaub. Versprochen!“

Flexibilität und Kundenorientierung werden von den Mitarbeitern aus guten Gründen gefordert und erbracht. Aber es gibt Grenzen: Die langfristige Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter ist auch für den Arbeitgeber ein wichtiges Ziel – aus ethischen Gründen, nach betriebswirtschaftlichem Kalkül und nicht zuletzt wegen der Erfolgsaussichten im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter.

Eckhard Eyer

Perspektive Eyer Consulting, Ockenfels

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