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Gestaltung ganzheitlicher Unternehmenssysteme in der Industrie 4.0

Industrial Engineering


Ganzheitliche Betrachtungsweise in der Industrie 4.0

Industrial Engineering in Zeiten der Industrie 4.0 – Teil 6

Die Gestaltung ganzheitlicher Unternehmenssysteme (GUS) gehört zum Aufgabenspektrum des modernen Industrial Engineering. Im Rahmen der Industrie 4.0 muss der Industrial Engineer alle möglichen Auswirkungen und Chancen von Beginn an identifizieren und strategische und operative Ziele konsequent im Unternehmen verankern.

Das Ziel eines jeden Unternehmens ist die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit und deren Existenz, die wiederum vom Erfolg beim Kunden abhängig ist. Im Mittelpunkt des GUS steht die Sicherung und Steigerung der Produktivität und somit der Verringerung der Herstellkosten bei gleichzeitig hoher Qualität, größerer Variantenvielfalt und kürzeren Lieferzeiten im Kundeninteresse. Ein GUS betrachtet also die Arbeitsabläufe des Unternehmens im Gesamtkontext [1].

REFA-Standard Ganzheitliches Unternehmenssystem

Die Aufgabe des Industrial Engineering besteht hier im Wesentlichen in der Bereitstellung von Informationen zur nachhaltigen Zielorientierung. Darüber hinaus bietet das Industrial Engineering Methoden zur strategischen Planung, Realisierung und dem Controlling zur Umsetzung von Ganzheitlichen Unternehmenssystemen [1]. Der REFA-Standard Ganzheitliches Unternehmenssystem stellt eine Systematik zur Gestaltung eines GUS zur Verfügung, welche die in Bild 1 dargestellten Elemente berücksichtigt.

Bild 1: REFA-Standard Ganzheitliches Unternehmenssystem [2]

Anhand des REFA-Standards Ganzheitliches Unternehmenssystem können die Veränderungen und Möglichkeiten, die durch die Industrie 4.0 auf ein Unternehmenssystem einwirken und dieses beeinflussen, sehr gut beschrieben werden.

Dabei nehmen externe und unternehmensinterne Einflüsse in der Industrie 4.0 eine entscheidende Rolle ein. Megatrends, wie etwa der demografische Wandel oder die Individualisierung und neue Technologien beeinflussen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Ihr Einfluss auf Unternehmen lässt gegebenenfalls gänzlich neue Geschäftsmodelle entstehen.

Zwei Beispiele verdeutlichen diese Entwicklung: 

  • Ein Sportschuh-Hersteller reagiert auf den wachsenden Druck durch individuelle Kundenwünsche sowie der Anforderung nach kurzen Produktentstehungszyklen mit einem neuen Produktionsverfahren. Die Produktionslinie setzt auf die Verwendung so genannter 3D-Drucker, die eine kundenindividuelle Produktion wesentlich vereinfachen. So schafft es das Unternehmen, nicht nur schneller auf Trends und Kundenwünsche einzugehen, sondern auch die Zeit von der Entwicklung bis zu Produktbereitstellung von 18 Monaten auf wenige Stunden zu verkürzen [3].

Bild 2: Moderne Schuhproduktion [4]

  • Gänzlich neue Geschäftsmodelle erlaubt das Drucken von Lebensmitteln, wie ein Pasta-Hersteller zeigt. Der 3D-Drucker nutzt hierfür Teigpatronen und produziert innerhalb von wenigen Minuten individuelle Nudelformen, die über konventionelle Produktionsverfahren nicht hergestellt werden können. Interessant ist dieses Konzept nicht nur für Restaurants, sondern auch für den Heimanwender [5]. Ein beispielhaftes Kurzvideo finden Sie hier.

Ganzheitliche Betrachtung – die IE-Kernkompetenz

Geschäftsmodelle können sich in der Industrie 4.0 sehr dynamisch verändern. Deshalb ist der Industrial Engineer gefordert, aktuelle Entwicklungen und Trends zu erkennen und die Möglichkeiten und Auswirkungen für das Unternehmen abzuschätzen. Nicht zuletzt bedeutet das auch, dass er die Stärken und Schwächen des Unternehmens identifiziert und somit die potenziellen Chancen aufdeckt.

Auf Grundlage dieser Informationen kann die Unternehmensleitung in enger Zusammenarbeit mit dem Industrial Engineering eine Vision für das Unternehmen entwickeln und Grundsätze festlegen. Der Wandel durch die Industrie 4.0 betrifft potenziell alle Unternehmensebenen, wie im zweiten Blog-Beitrag dieser Reihe zu den neuen Paradigmen in der Fertigung bereits erläutert worden ist. Daher ist es von besonderer Bedeutung, Leitplanken im Unternehmen zu verankern, die den Weg zum Erreichen der Vision abstecken. Hierzu gehört auch das explizierte Adressieren der Industrie 4.0, durch die der Grundstein für den Wandel gelegt wird. Dadurch wird die Marschrichtung für alle Beschäftigten eines Unternehmens greifbar und transparent und nimmt Unsicherheiten und Ängste gegenüber neuen Entwicklungen.

Und auch hier ist das Industrial Engineering von großer Bedeutung, da es für die Transformation der Vision und Grundsätze in messbare Unternehmens-, Bereichs- oder Abteilungsziele zuständig ist. Klassische Methoden wie die Balanced Scorecard gewährleisten eine adäquate Systematik, entsprechende Ziele zu erarbeiten, und bieten darüber hinaus auch die Möglichkeit, diese zu messen und zu steuern.

Ein nachhaltiges Managementsystem ist in der Industrie 4.0 unerlässlich, wenn es um die Gestaltung eines Unternehmenssystems geht. Durch die zunehmende Geschwindigkeit, auch getrieben durch eine beschleunigte Datenerfassung, -verarbeitung und Informationsbereitstellung, wird die benötigte Zeit, um auf Änderungen zu reagieren, zunehmend kürzer werden. Die Steuerungsprozesse müssen entsprechend ausgerichtet und gestaltet sein.

Ebenso wichtig ist die Gestaltung agiler Systeme, die sich schnell auf Veränderungen einstellen und die zunehmende Volatilität auffangen – hervorgerufen durch z.B. immer kürzer werdende Produktlebenszyklen oder saisonal schwankende Kundennachfragen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass in Unternehmen zu starre Prozesse die größte Hürde bei der Umsetzung agiler Organisationen darstellen. Dies verdeutlicht den gestalterischen Handlungsbedarf des Industrial Engineering im Industrie 4.0-Umfeld [6].

Bild 3: Hürden beim Wandel zur agilen Organisationen [6]

Konkrete Maßnahmen sind aus den Unternehmenszielen abzuleiten und so zu wählen, dass sie möglichst viele Zielgrößen beeinflussen und ein optimales Aufwand-Nutzen-Verhältnis bewirken. Dabei bedarf es im Umfeld der Industrie 4.0 keiner neuen Methoden. Der Industrial Engineer ist hier eher in der Pflicht, die Maßnahmen so zu definieren, dass die Vorhaben der Industrie 4.0 bestmöglich umgesetzt werden können. Das erfordert eine Betrachtung von Mensch, Technik und Organisation gleichermaßen.

Diese ganzheitliche Betrachtung ist eine Kernkompetenz des Industrial Engineering in der Industrie 4.0. Es ist die herausfordernde Aufgabe des Industrial Engineer, Konzepte zu erarbeiten, die Technologien, Arbeitsmodelle und Qualifizierungs- und Personalbedarfe optimal kombinieren.

Für die Umsetzung der Maßnahmen bietet REFA den erforderlichen Methoden- und Werkzeugkasten und unterstützt nicht nur bei der Gestaltung eines Unternehmenssystems, sondern auch bei der operativen Umsetzung der Maßnahmen. Das hierzu erforderliche Know-how kann durch die REFA-Grundausbildung 2.0 und die Ausbildung zum REFA-Industrial-Engineer erworben werden.

Quellen

[1] REFA-Institut: Arbeitsorganisation erfolgreicher Unternehmen im Wandel der Arbeitswelt. Darmstadt, 2016

[2] REFA-Institut: REFA-Industrial-Engineer – Gestaltung ganzheitlicher Unternehmenssysteme. Darmstadt, 2018

[3] WirtschaftsWoche: Individualisierung stellt Adidas vor große Herausforderungen. Aufgerufen am 4.05.2018 unter https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/adidas-speedfactory-individualisierung-stellt-adidas-vor-grosse-herausforderungen/20211984.html

[4] Youtube: Futurecraft 4D: Create – adidas. Aufgerufen am 04.05.2018 unter https://www.youtube.com/watch?v=DFtVF2DdSuM

[5] 3D-Druck: Nudeln aus dem 3D-Drucker von Barilla – Update: Design Wettbewerb. Aufgerufen am 04.05.2018 unter https://3druck.com/drucker-und-produkte/barilla-stellt-nudel-3d-drucker-vor-2444928/

[6] Hays: HR-Report 2018 – Schwerpunkt Agile Organisation auf dem Prüfstand. Aufgerufen am 04.05.2018 unter https://www.hays.de/documents/10192/118775/hays-studie-hr-report-2018.pdf/243a467e-bc39-6b0a-3ac1-95c5f9bd43bc

Verfasser

Kim Bogus  

 

Kim Bogus
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am REFA-Institut e.V., Dortmund

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