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Pflege 4.0 - Kundenwunsch oder Produzentenmacht

Kolumne


Roboterassistent Care-O-bot

Professor Hans Raffèe, Marketingexperte an der Universität Mannheim beschreibt in seinem Buch „Grundprobleme der Betriebswirtschaftslehre“ das Spannungsverhältnis zwischen den Wünschen der Kunden auf der einen Seite und der Macht der Produzenten auf der anderen Seite. Die Kunden fragen bestimmte Produkte und Dienstleistungen nach, die Produzenten drücken die von ihnen entwickelten Produkte und Dienstleistungen in den Markt und wecken so erst die Nachfrage.

Die Unterstützung des Menschen durch Technik, ja die Substitution der menschlichen Arbeit durch die Maschine hat eine lange Tradition, besonders in der Industrie. Gerhard Hauptmann beschrieb das in seinem Buch „Die Weber“ anschaulich und wir erleben es praktisch täglich. Für ein technisches Produkt - einen Motor oder ein Getriebe - ist es gleichgültig ob es von einem Menschen oder von einem Roboter montiert wird.

Pflegebedürftige Menschen sehen das etwas anders, sie haben ein Interesse an sozialen und medizinischen Dienstleistungen, die für sie von kompetenten Menschen - am besten mit einem freundlichen Lächeln und einem guten Wort - erbracht werden. Sie verlangen (noch) nicht nach Kuschelrobotern und Massagegeräten.

Wie die Mitarbeiter, die sich für einen Pflegeberuf entschieden haben, um mit pflegebedürftigen Menschen zu arbeiten, über einen „Robi“ als Kollegen denken, der sie entlastet, wenn sie ihn vorher programmiert und auf die Bedürfnisse der zu pflegenden Menschen eingestellt haben, ist noch offen.

Unternehmen, die Pflegeheime betreiben, sind an dem Einsatz von Pflegerobotern interessiert, wenn sie die Mitarbeiter von körperlich schweren Arbeiten entlasten, um deren Gesundheit zu schonen, aber auch um zeitraubende Routinearbeiten zu übernehmen (vgl. unser Bild des bereits in Altenheimen und Privatwohnungen getesteten Roboterassistent Care-O-bot 3, Quelle IPA).

Unternehmen, die Pflegeroboter entwickeln und herstellen, haben aufgrund ihres Geschäftsmodells ein großes Interesse, diese in der Pflege 4.0 einzusetzen und auch den After Sale Service dafür anzubieten. Sie erwarten, dass der Kollege Robi irgendwann zum Team im Wohnbereich gehört, von den Bewohnern geschätzt wird und sein Scherflein zur Reduzierung des Pflegenotstands beitragen kann.

Beim Thema Pflege 4.0 geht es um die spannende Frage, ob der Kundenwunsch oder die Produzentenmacht entscheidend ist, aber auch um ethische und kulturelle Aspekte. Neben den Kunden und Produzenten sollten deshalb auch die Pflegenden und Pflegeunternehmen gemeinsam mit den gesellschaftlichen Gruppen die Zukunft der Pflege - ohne oder mit und wenn ja: mit wie viel Robi-Kollegen - gestalten.

Eckhard Eyer

Perspektive Eyer Consulting, Ockenfels

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