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Gestaltung von Unternehmensnetzwerken

Industrial Engineering


Unternehmensnetzwerke und Industrie 4.0

Industrial Engineering in Zeiten der Industrie 4.0 – Teil 7

Die Gestaltung von Unternehmensnetzwerken ist längst nicht mehr nur ein vages Schlagwort, sondern heute eine Kernaufgabe zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. In der Industrie 4.0 wird die Gestaltung solcher Netzwerke zunehmend vereinfacht und rentabel. Das moderne Industrial Engineering muss daher die Vorteile, Chancen und Risiken für das Unternehmen kennen, um die Veränderung mit nachhaltigem Erfolg zu meistern.

In den vorangegangenen Artikeln wurden die Veränderungen, Herausforderungen und Möglichkeiten der Industrie 4.0 in verschiedenen gestalterischen Bereichen des Unternehmens dargestellt. Dank der zunehmenden Verflechtung und der immer globaleren und offeneren Ausrichtung der Unternehmen müssen Unternehmensnetzwerke und deren Gestaltung verstärkt Berücksichtigung finden. Denn in der Industrie 4.0 können intelligent verknüpfte Standorte und innovative Kooperationskonzepte beispielsweise in neuen Geschäftsmodellen oder nachhaltigen Dienstleistungskonzepten münden.

Globalisierungsszenarien

Die stetig zunehmende Globalisierung ging in den letzten Jahren einher mit der Auslagerung von Wertschöpfungsprozessen aus dem Produktions- und Dienstleistungsbereich in Regionen mit niedrigeren Lohnkosten. Betrachtet man die aktuellen Entwicklungen in der Globalisierung, so zeichnen sich drei Szenarien ab [1]:

  • Zum einen könnten Unternehmen in den kommenden Jahrzenten vermehrt auch nicht-produzierende Bereichen auslagern. Hierzu gehören insbesondere Dienstleistungen wie beispielsweise Call-Center. Dadurch könnten nicht nur niedrigere Lohnkosten realisiert werden, sondern auch Skaleneffekte, sinkende Transaktionskosten sowie eine zunehmende Standardisierung und Automatisierung von Dienstleistungen.
  • Zum anderen könnten Unternehmen in Zukunft auch ganze Unternehmensbereiche, wie etwa die Entwicklung und Forschung oder die Konstruktion, auslagern, was die Abwanderung von kompletten Wertschöpfungsketten oder Produktionsbereichen zur Folge hat.
  • Schließlich könnte sich auch ein Trend etablieren, bei dem Know-how und Innovationsfähigkeit im Fokus stehen. Als Technologieland könnte Deutschland dann von langfristigen Investitionen profitieren.

Ungeachtet der Auslagerung der Wertschöpfung oder der Konzentration auf die Kernprozesse und -kompetenzen werden Unternehmen zukünftig vernetzter agieren. Dabei begrenzt sich die Betrachtung nicht nur auf die internen Prozesse zwischen unterschiedlichen Produkten, Produktionsbereichen oder Werken. Vielmehr gilt es auch Lieferanten und Kunden verstärkt in die eigenen Abläufe zu integrieren. Das ermöglicht es Unternehmen wesentlich kosten- und zeiteffektiver zu arbeiten und die Qualitätsansprüche zu erfüllen. Diese Anforderungen entstehen nicht zuletzt durch die kundenseitige Nachfrage nach individuellen Produkten bei kürzester Lieferzeit.

Perspektiven bei der Gestaltung von Unternehmensnetzwerken

Die Gestaltung von Unternehmensnetzwerken ist also nicht nur bei globalen Produktionsstrukturen sinnvoll. Auch Produktionsbetriebe mit globalen Lieferantenstrukturen können durch die Einbindung von Lieferanten und Kunden profitieren.

Perspektivisch sind auch Zusammenschlüsse verschiedener Unternehmen denkbar, die ihre Kompetenzen kombinieren, partnerschaftlich Innovationen vorantreiben und in einem Netzwerk produzieren. Ein solcher Zusammenschluss, wie er etwa bei Joint Ventures stattfindet, ermöglicht Entwicklungen in kürzerer Zeit durch die Bündelung verschiedenster Kapazitäten und Kompetenzen. Dadurch können effektiv niedrigere Herstellungskosten realisiert, günstigere Verkaufspreise erzielt und somit ein klarer Wettbewerbsvorteil geschaffen werden (Bild 1). Auch offene Kooperationsformen sind keine Seltenheit mehr. Hier schließen sich verschiedenste Forschungseinrichtungen, Sozialpartner und Unternehmen zusammen, um Erkenntnisse und Wissen zu teilen und so gemeinsam schneller und nachhaltiger Fortschritte zu erzielen [2].

 

Bild 1: Beispiel für Unternehmensnetzwerke [3]

Die nachhaltige Vernetzung und Integration verschiedener Akteure ist unweigerlich auch mit streckenweise tiefgreifenden organisatorischen Veränderungen verbunden. Bei der Entwicklung und Umsetzung solcher vernetzter Unternehmensstrukturen kann die Industrie 4.0 maßgeblich unterstützen und einen echten Mehrwert schaffen. Schon heute ermöglichen offene Softwareplattformen die horizontale Integration von Partnern über die Unternehmensgrenzen hinaus. Dadurch können beispielsweise Lieferanten und Kunden wesentlich effektiver in die Prozesse eingebunden werden. So können Lieferanten in Echtzeit auf Veränderungen im Entwicklungsprozess reagieren oder frühzeitig schwankende Produktionsvolumen berücksichtigen. Sogar das Fehler- und Qualitätsmanagement kann in Echtzeit wesentlich nachhaltiger über die eigenen Produktionshalle hinaus verfolgt und optimiert werden. Solche Softwarelösungen sind bereits verfügbar und kommen in Betrieben zum Einsatz.

Darüber hinaus ermöglichen diese Geschäftsplattformen eine weiterentwickelte Form der Kundenintegration. Gerade hinsichtlich des Trends der Individualisierung und der stetig sinkenden Losgrößen in der Produktion wird eine nachhaltige Integration des Kunden zum Wettbewerbsvorteil für Unternehmen. Betrachten wir das Engineer-to-Order-Szenario (z.B. bei Kraftwerken oder dem Anlagenbau), wird der Konstruktions- und Entwicklungsprozess durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kunden verbessert. Der hochfrequente Informationsaustausch in der Entwicklungsphase führt zur Bereitstellung eines optimalen Produktes exakt nach den Kundenwünschen. Durch das Internet der Dinge und die starke Vernetzung der eigenen Wertschöpfungsprozesse kann eine cloudbasierte Plattform heute auch dabei helfen, die Massenproduktion in der Losgröße 1 zu realisieren (Mass Customization). War es bisher kaum möglich, Detailanpassungen während des Produktionsprozesses vorzunehmen, wird es zukünftig einfacher sein, Änderungswünsche in Echtzeit in laufende Prozesse einzusteuern, ohne dabei Einbußen hinsichtlich der Auftragssteuerung oder der Produktivität hinnehmen zu müssen – vorausgesetzt im Unternehmen bestehen geeignete modulare und flexible Produktionsstrukturen.

Neue Vernetzungstechnologien dienen allerdings nicht nur der Kunden- und Lieferantenintegration, sondern können auch zur Erschließung neuer Geschäftsmodelle und Dienstleistungen führen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Turbinenhersteller Rolls-Royce, der das Internet der Dinge nutzt, um in Echtzeit die Turbinendaten eines Flugzeuges auszuwerten, die im Weiteren etwa zur Optimierung des Spritverbrauchs und der Wartungsinterwalle genutzt werden [4].

Im Endkundenbereich ist für viele der „Fitnesstracker“ kein fremder Begriff. Auch hier haben sich Unternehmen personenbezogene Daten zu Nutze gemacht und daraus intelligente Gesundheitstracker entwickelt, die über verschiedene Sensoren körperliche Aktivitäten messen und dem Träger Hinweise geben, wie er seinen Lebensstil gesünder gestalten kann. Das zukünftige Potenzial für Drittanbieter, wie etwa Fitnessstudios oder Versicherungen, ist dabei längst noch nicht ausgeschöpft.

Natürlich sind viele dieser Konzepte weder flächendeckend etabliert noch gänzlich erforscht oder standardisierte Methoden und Vorgehensweisen ausreichend definiert. Dennoch zeichnet sich der Trend der Vernetzung klar ab und früher oder später werden passende praktische Lösungen im Unternehmen zum Einsatz kommen.

Neue Aufgaben für das Industrial Engineering

Deshalb muss auch der moderne Industrial Engineer bestens für die Veränderung gerüstet sein. Denn die Herausforderung bei der Gestaltung von Unternehmensnetzwerken liegt in der konsequenten Umsetzung bis hinunter auf die Makroebene, also der Gestaltung von einzelnen Arbeitssystemen. Unter Verwendung ganzheitlicher Ansätze wird auch deutlich, dass der Industrial Engineer klassische Strukturen des Unternehmens kennen muss und in der Lage sein sollte, diese kritisch zu hinterfragen. Seine Aufgabe in der Gestaltung von Unternehmensnetzwerken wird somit mehr denn je gefragt, wenn es darum geht, zu erkennen, wie die Führungs- Kern- und Unterstützungsprozesse optimal zu strukturieren sind. Das REFA-Unternehmensmodell bietet hierbei einen idealen Ansatz, die eigene Struktur im Unternehmen zu definieren und sich der Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Einheiten bewusst zu werden. Im Rahmen der Gestaltung von Unternehmensnetzwerken kann der Industrial Engineer Verknüpfungspunkte zwischen den einzelnen Bereichen herausarbeiten, die Informationsbedarfe ermitteln und somit die Grundlage für eine übergreifende und unternehmensweite Zusammenarbeit schaffen (Bild 2).

Davon kann letztendlich auch das klassische Arbeitsdatenmanagement profitieren. Denn bei einer nachhaltigen, strukturierten und standardisierten Ausgestaltung von Unternehmensnetzwerken hat das Industrial Engineering die Möglichkeit, bisher unsichtbare Schwachstellen in Prozessen oder Systemen aufzudecken und zu optimieren. Außerdem können vermehrt Daten durch die Vernetzung digital aufgenommen werden, wodurch die Analyse und Auswertung effektiver wird. Daher muss der Industrial Engineer schon bei der Integration möglicher Plattformen auf eine standardisierte Datenaufnahme und Bereitstellung achten.

 

Bild 2: REFA-Unternehmensmodell [5]

Doch die Vernetzung birgt auch Gefahren. Durch die offene Gestaltung und Vernetzung variabler Akteure wie Kunden, Lieferanten, soziale Partner und mehr gewinnt die Datensicherheit zunehmend an Bedeutung. Dabei gilt es nicht nur das eigene Know-how innerhalb der Grenzen zu schützen. Die gleiche Aufmerksamkeit muss der Ausgestaltung geeigneter Systeme zum Schutz vor äußeren Zugriffen gewidmet werden. Auch für die Mitarbeiter eines Unternehmens ist es von besonderer Bedeutung, die personenbezogenen Daten zu schützen.

Nicht zuletzt ist der Industrial Engineer als Wegbereiter gefordert, auch visionäre Wege zu gehen und neue Konzepte und Modelle für Unternehmen zu erschließen, um so den Unternehmenserfolg zu sichern. Das kann in Einzelfällen auch dazu führen bestehende Strukturen und Prozesse nicht nur zu optimieren, sondern diese gar aufzulösen und neu zu strukturieren.

Quellen

[1] Robert-Bosch-Stiftung: Die Zukunft der Arbeitswelt - Auf dem Weg ins Jahr 2030. Stuttgart, 2013

[2] IoT Consortium. Aufgerufen am 04.06.2018 unter https://iofthings.org/

[3] Youtube: Unternehmensnetzwerke: "Gemeinsam sind wir stark" - business planet. Aufgerufen am 27.03.2018 unter https://www.youtube.com/watch?v=OzVCiXojD1k

[4] RTInsights: How Rolls-Royce Maintains Jet Engines With the IoT. Aufgerufen am 04.06.2018 unter https://www.rtinsights.com/rolls-royce-jet-engine-maintenance-iot/

[5] REFA-Bundesverband e.V.: REFA-Grundausbildung 2.0. Darmstadt, 2017

Verfasser

Kim Bogus  

 

Kim Bogus
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am REFA-Institut e.V., Dortmund

 

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